Von Tigermüttern und Kuschelpädagogen

Bearbeitet von: Redaktion Erfahrungsschatz.net



Der Pisa-Schock von 2001 rüttelte die Deutschen wach. Der internationale Vergleich bescheinigte unseren Schülern ganz und gar keine Glanzleistungen. Zehn Jahre später  konnten wir uns zwar deutlich verbessern, aber während Schüler in der chinesischen Provinz Shanghai im internationalen Vergleich überall absolute Spitzenwerte erreichten, dümpelten wir in Kernkompetenzen wie Lesen und Textverständnis im Mittelfeld vor uns hin.

Verzärteln wir unsere Kinder zu sehr, sodass sie im globalen Kampf um Arbeitsplätze bald vom Nachwuchs der disziplinierteren und fleißigeren Nationen überrundet werden? Sind sie die Verlierer von morgen, weil sie die Zeit, in der ihre geistige Leistungsfähigkeit am höchsten ist, mit Computerspielen, Facebook und Partys vergeuden? Verhindert unsere Kuschelpädagogik womöglich, dass Talente sich effektiv weiterentwickeln können?

Schon heute kommen 30 Prozent aller Studierenden aus dem asiatischen Raum, die Hälfte davon aus China, ein weiterer Sechstel aus Indien. Bildung ist ihr Schlüssel zum Anschluss an die Weltspitze und sie nutzen ihre Chance.

Selbstbewusstsein durch Erfolg

Spätestens seit Erscheinen der biografischen Polemik „Die Mutter des Erfolges“ (Im Original: Battle Hymn of the Tiger Mother“) ist die Diskussion um das richtige Maß zwischen Strenge und Freiheit in der Erziehung neu entbrannt. In dem internationalen Bestseller beschreibt Amy Chua, Yale Professorin chinesischer Abstammung, wie sie ihre beiden Töchter Lulu und Sophia mit unglaublicher Disziplin und Strenge zu schulischen und musikalischen Höchstleistungen trieb.

Ich glaube durchaus, dass westliche Eltern die Dinge manchmal zu leicht nehmen. Sie können einem Sechsjährigen nicht sagen ‘Geh heute mal deinen Leidenschaften nach; ich möchte nur, dass du glücklich bist.‘ Das ist zu romantisch. Natürlich hofft jede Mutter, dass das Kind dann die Flöte in die Hand nimmt oder Gedichte schreibt. Aber ich glaube, es wird sich einfach vor den Fernseher setzen oder Computerspiele spielen“, erklärt die Autorin in einem Spiegel-Interview. „Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der Schlüssel zum Glück. Und das erreicht man nur durch Herausforderungen und Leistung.“

Chua setzte ihr Erziehungsprogramm konsequent durch. Lern-Schichten bis in die späteren Abendstunden hinein und die Androhung von drastischen Strafen bei Verweigerung standen bei ihr an der Tagesordnung. “Die Chinesen (…) sind überzeugt, dass der beste Schutz, den sie ihren Kindern bieten können, darin besteht, sie auf die Zukunft vorzubereiten, sie erkennen zu lassen, wozu sie imstande sind, und ihnen Fähigkeiten, eiserne Disziplin und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, die ihnen keiner je nehmen kann.“, schreibt sie in „Die Mutter des Erfolgs“.

In jedem Fall war die Drillpädagogik der „Tigermutter“, wie sie sich selbst bezeichnete, höchst effektiv, Bestnoten in der Schule und musikalische Ausnahmeleistungen sind für ihre Kinder selbstverständlich. Mit 14 Jahren gab ihre ältere Tochter Sophia bereits ein Klavierkonzert in der weltberühmten Carnegie Hall. In einem Aufsatz, in dem sie das Erlebnis verarbeitete, beschrieb sie zu allem Überfluss, wie sehr sie die Musik liebe.

„Frau Chua lässt sich auf die Förderung ihrer Kinder ein und nimmt es in Kauf, unbeliebt zu sein. Das fällt uns als Eltern schwer (…). Obwohl wir alle mit unseren Kindern durchaus ehrgeizig sind, verstecken wir das – ein Eiertanz, der viel Energie kostet“, beschreibt die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich in einem Spiegel-Gespräch wohl recht treffend das Dilemma vieler Eltern.

Freigeister versus Lernroboter

Verlangen wir zu wenig von unseren Kindern? Geben wir uns mit zu geringen Erwartungen zufrieden? Sind wir zu weich und nehmen ihnen dadurch die Chance auf Anerkennung und ein Selbstbewusstsein, das auf wahrem Können beruht? Oder brauchen unsere Kinder kreative Freiräume, genügend Zeit zum Spielen und die Möglichkeiten, viele Erfahrungen jenseits des Schulalltags zu sammeln?

Mittlerweile regt sich auch in China, dem Pisa-Sieger und Musterbeispiel für erfolgreichen Drill, Zweifel am eigenen System. Der Blogger Gu Chuan Xiao Mu kritisiert die chinesischen Schüler als Lernroboter, die sich mit nichts anderem auskennen als mit ihren Schulbüchern. Selbst Premier Wen Jiabao gab zu, dass praktische Fähigkeiten und eigenständiges Denken bei dem eigenen Schulsystem auf der Strecke blieben. Der amerikanische Ökonomie-Professor Michael Pettis, der an der Management-Schule der Peking-Universität unterrichtet, findet sogar, dass das chinesische Bildungssystem den Schülern die Kreativität austreibe. So könnten sie zwar ausgezeichnet mathematische Rätsel lösen, scheiterten dafür aber bei Aufgaben, die das eigenständige Denken erfordern.

Und überhaupt: Waren viele der größten Genies und Visionäre nicht Freigeister, die erst durch Experimentierfreudigkeit und kreativen Freiräume Höchstleistungen erbrachten? – Albert Einstein,  John Lennon, Abraham Lincoln, Alice Schwarzer, Madonna, Joanne K. Rowling, Steven Spielberg – bei keinem von ihnen führte der Weg zum Erfolg über herausragende Schulnoten oder Eliteunis. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Auch einige der Wirtschaftshelden unserer Zeit, Microsoft-Erfinder Bill Gates, Apple-Boss Steve Jobs oder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gingen nicht den für sie vorgesehenen Weg des Erfolges. Sie sind allesamt Studienabbrecher!

Uns interessieren aber vor allem Ihre Erfahrungen zum Thema. Können wir von unseren Kindern mehr verlangen oder hemmt zu viel Drill nur die Kreativität und die soziale Entwicklung der folgenden Generation?

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