Gefallene Vorbilder

Bearbeitet von: Redaktion Erfahrungsschatz.net

 

„Ich habe wie jeder andere auch zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen“, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg bei seiner Rücktrittsrede. Dass er sich der Verantwortung stellte, machte den Politiker für viele erst recht zum Vorbild. Schon kurz nach seiner überraschenden Abdankung hatte sich bei Facebook die Gruppe Wir wollen Guttenberg zurück formiert – und konnte gleich am nächsten Tag mehr als 300.000 Anhänger aufweisen.

Für viele aber hatte der junge Hoffnungsträger seine Glaubwürdigkeit längst verspielt. „Vielleicht sind wir altmodisch und vertreten überholte konservative Werte, wenn wir die Auffassung hegen, dass Aufrichtigkeit und Verantwortungsbewusstsein Werte sein sollten, die auch außerhalb der Wissenschaft gelten sollten“, schrieben die empörten Doktoranden in ihrem offenen Brief an die Kanzlerin – und fanden enormen Zuspruch.

Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet der nun ehemalige Verteidigungsminister nachdem bekannt wurde, dass er viele Passagen seiner Doktorarbeit aus fremden Texten übernommen hatte, ohne die Quellen entsprechend zu zitieren. Damit löste der einstige Politstar eine beispiellose Debatte rund um Werte wie Ehrlichkeit, Anstand und Authentizität aus. Es ging um weit mehr als die Frage, ob Schummeln bei der Doktorarbeit verzeihlich ist. 

Im ganzen Land diskutieren die Bürger sich die Köpfe heiß, schließlich standen auch Werte der Demokratie auf dem öffentlichen Prüfstand. Geprüft wurde jetzt im grellen Licht eines digitalen Zeitalters, das Verfehlungen mit gnadenloser Akribie aufdeckte und durch die Mechanismen des World Wide Web zu einem medialen Tornado aufwirbelte.

Welche Maßstäbe gelten für Vorbilder?

Auch vergangenes Jahr erregte die moralische Verfehlung einer Würdenträgerin die Gemüter: Margot Käßmann, Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, fuhr mit mehr als 1,5 Promille im Blut über eine rote Ampel und wurde von der Polizei gestoppt. Sie gab ihren „schlimmen Fehler“ zu und zog sich aus freien Stücken von allen Ämtern zurück. Es ginge ihr nicht nur um das Amt, sondern auch um Achtung, Respekt und die die eigene Gradlinigkeit, erklärte sie in ihrer Rücktrittsrede. Käßmanns konsequentes Handeln fand eine große Anerkennung im Land. Auch sie stieß eine fruchtbare Diskussion rund um Verantwortungsbewusstsein und Prinzipientreue an.

Ist Trunkenheit am Steuer eine verzeihliche Sünde, die wissenschaftliche Fälschung einer Dissertation ein Kavaliersdelikt? Liegen Täuschung und Blendung nicht vielleicht sogar in der Natur des Menschen? Und verlangt unsere Gesellschaft nicht geradezu einen ständigen Balanceakt auf dem schmalen Grad zwischen Wahrheit und Lüge?

An welchen Maßstäben messen wir unsere Vorbilder? Sind sie einfach nur Menschen, die Fehler machen dürfen oder müssen sie sich in ihrer Rolle prinzipiell höheren Ansprüchen stellen? Wir freuen uns sehr über Ihre Beiträge zum Thema ...

Lesen Sie die Erfahrungen anderer Mitglieder
Übermittlung Ihrer Stimme...
Bewertungen: 4.8 Sterne - 24 Stimme(n)
Klicken, um Artikel zu bewerten.